Fantoft und Fadderuke - 18.8.

 Ausschnitt eines Fjordes, wenige Minuten von meinem Wohnheim entfernt. Bislang badete ich dort zwei Mal.

 Fantoft

Wow, jetzt sind es bald schon zwei Wochen, die ich hier in Bergen vollbracht habe. Habe ich mich eingelebt? Noch nicht wirklich. Bin ich gut angekommen? Total! Zunächst einmal zu Fantoft, dem Studentenwohnheim meines Vertrauens: Es ist eine kleine Hochhaussiedlung ca 5km außerhalb der Innenstadt Bergens, mit der „Bybane“ (Stadtbahn) fährt man circa 15 Minuten ins Zentrum. Hier leben bis zu 1300 Studenten. Bei einer Veranstaltung wurde verkündet, davon seien rund 20 Prozent Norweger, davon ist jedoch wenig zu spüren. Vor allem die Deutschen, die Holländer und die Franzosen dominieren die Szene. Da alle sich in einer ähnlichen Lage befinden gestalten sich die ersten Tage sehr kontaktfreudig. Man geht gemeinsam zum Einkaufen zum IKEA, geht an den naheliegenden Fjord oder wandern, und Abends versammelt man sich in irgendeinem Stockwerk, welches mehr oder weniger freiwillig ausgewählt wird, um im engen Flur und der noch engeren Küche neue Bekanntschaften zu schließen, gemeinsam zu trinken, lachen und nach dem Namen, der Nation und dem Studienfach zu fragen. Das Prozedere ist in den aller meisten Fällen das Selbe. Der Standarttypus: Deutsches Mädchen, welches Jura studiert. So verbringe ich das gesamte erste Wochenende auf jenen Fantoftfluren, während ich Samstags tagsüber mit einigen an den Fjord ziehe (15 Minuten Fußweg) und beiangenehmen 15 Grad Außentemperatur mein erstes Bad nehme. Sonntags bildet sich dann mehr oder weniger zufällig eine größere Gruppe, die gemeinsam auf Wanderschaft zum Ulriken aufbricht. So stapfen wir durch den dichten, feuchten Nebel auf den größten Berg Bergens (643m über dem Meeresspiegel) und genießen die bestimmt wundervolle Aussicht. Auf der anderen Seite des Gipfels liegt eine Hochebene, die manch einer als „Herr-der-Ringe-Landschaft“ ausmacht. Während wir außer Puste erst ein Mal rasten, wundern wir uns immer mehr über die NorwegerInnen, die im T-Shirt (gefühlte 2 Grad Außentemperatur) an uns in einem Tempo, das mehr an Usain Bolt erinnert als an eine Wanderung, vorbei sprinten und sich dabei noch über allerlei Dinge unterhalten. Talentförderung wird hier groß geschrieben, nicht selten sind es kleine Buben und Mädchen, die an uns vorbei eilen. Zur Erklärung: An Sonntagen geht man in Bergen anscheinend immer nach draußen, egal was das Wetter dazu sagt, und wandert. Im Mai gibt es gar ein Festival, in dem alle sieben Berge Bergens erklettert werden. Der Rekord, so munkelt man, liege bei 3 Stunden. Zum Vergleich, unsere kleine Erasmusgruppe braucht allein für Auf- und Abstieg des Ulriken knapp vier Stunden. Immerhin, auf dem Rückweg klärt es etwas auf, so dass wir schließlich doch noch ein bisschen Aussicht genießen können. Das schöne in Fantoft ist, dass sich immer jemand findet, der etwas mit einem unternehmen will. Wenn man jedoch seine Ruhe haben will, so ist nichts leichter als das. Man geht in sein Zimmer und schließt die Tür.

 

 

 Mein Mitbewohner Harald beim Aufstieg zum Ulriken.

 

 

 

 

 Die bestimmt herrliche Aussicht vom Ulriken auf Bergen.

 

 

 Fadderuke

Nun zum zweiten Teil meines Berichts: Am Montag begann die Einführungswoche für die Studenten. Schon Donnerstag und Freitag zuvor hatte es Einführungsvorlesungen gegeben, doch was uns nun erwartete, war davon völlig zu unterscheiden. Die so genannte „Fadderuke“ (Patenwoche) scheint eine große Tradition zu sein. Dabei wird man je nach Fakultät in kleine Gruppen eingeteilt. Ich landete mit Matthias, einem sympathischen Bernschweizer, Pauline (Französin), meinem holländischen Mitbewohner Danny und einem weiteren in einer Gruppe bei Tallak, unserem norwegischen „Fadder“. Der verplante Osloer erklärte uns, worum es in der ersten Woche gehen würde: Feiern. Eine Woche lang. Und das bei norwegischen Alkoholpreisen... Zum Vergleich, ein Sechserpack Bier kostet hier 150 Kronen, also rund 20 Euro. Bevor man jedoch in Norwegen in einen Klub geht, kommt es zum „Vorspiel“. Tatsächlich wird hier das deutsche Wort benutzt, welches bei uns jedoch bekanntermaßen eher eine gewissen andere Konnotation besitzt. Direkte Übersetzung wäre als eher „Vorglühen“. Und dies beginnt gerne schon um 18 Uhr Abends. Unsere internationale Gruppe wurde mit einer größeren Gruppe aus Erstsemesterstudenten zusammengetan, mit welchen wir uns also täglich um 18 Uhr zum Vorspiel trafen, um hernach die verschiedenen Klubs Bergens unsicher zu machen. Dabei versammelten wir uns in den Wohnungen der verschiedenen „Fadder“. Endlich lernte ich nun also auch echte Norweger kennen! Unangenehm war nur, dass wir Fantoftstudenten stets um 1 Uhr Nachts wieder gehen musste, da unsere letzte Bahn fuhr. Auf das teure Taxi oder die die Eineinhalbstunden Fußweg wollte man dann doch lieber verzichten. Höhepunkt der Fadderuke bildete der Freitag, bei dem man sich schon um 4 Uhr traf, um hernach von 6 bis 10 Uhr von Bar zu Bar zu ziehen und anschließend im Klub zu landen. Man fragt sich, wie sich die Norweger ein solches Partyleben leisten können. Zur Erinnerung. In der Bar kostet ein Bier durchaus auch mal umgerechnet 10 Euro.

Es kann der Eindruck entstehen, es gehe bei der Fadderuke nur ums Feiern, dem ist jedoch nur bedingt so, denn es gibt noch zahlreiche weitere Aktivitäten. Beispielsweise zog unsere Gruppe beim „Kanonball“-Turnier (Völkerball, da wurden schöne Erinnerungen an die Waldorfzeit wach) grandios ins Halbfinale ein oder nahm am „Rebusløp“ teil, einer Art Schnitzeljagd. Nebenbei begann auch die Universität ihren Lauf mit einer offiziellen Eröffnungsfeier und einigen Orientierungsvorlesungen. Richtig begonnen hat der Alltag jedoch noch lange nicht. Erst diese Woche beginnen die eigentlichen Kurse, ebenso wie die verschiedenen weiteren Aktivitäten, die ich angehen möchte. So gibt es auch hier einen Chor, an dem ich teilnehmen möchte, außerdem ein Studentenradio, in dem ich als „Deutschlandskorrespondent“ hineinschnuppern möchte. Auch das Tanzen (Swing) möchte ich gemeinsam mit einer der Norwegerinnen aus der Fadderuke angehen. Ich habe also viel vor in der nächsten Zeit. Auch die Vorlesungen versprechen Spannung. Ich bin motiviert und habe nach der ersten Woche Bergen Blut geleckt. Es ist toll hier, auch wenn es gerade wieder einmal regnet. Das gehört eben dazu.

 

Ein Teil meiner Faderuke: Das Kanonballteam.

 

 Pauline, Marie, Matthias und ich beim "Vorspiel".

18.8.13 14:01

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